Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

Predigt über Matthäus 18,3
anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von Ichthys, Haus Aufbruch, Eningen
am 26. September 2015

Wer kommt in den Himmel
Ichthys ist das griechische Wort für Fisch und beinhaltet die Anfangsbuchstaben von Jesus, Christus, Gotts Sohn und Erlöser.
Ich gehe davon aus, dass wir alle glauben, dass Jesus der Christus ist und dass Jesus der Sohn Gottes ist und dass Jesus unser Erlöser ist.
Kommen wir mit ‚Ichthys‘, diesem Glaubensbekenntnis, in den Himmel? Matthäus berichtet uns, dass Jesus dazu klar und deutlich ‚Nein‘ sagt. Es geht um etwas ganz Anderes, wenn wir in den Himmel kommen wollen.
Die Jünger waren sich wahrscheinlich ziemlich sicher in den Himmel zu kommen, weil sie ja mit Jesus gingen. Das war nicht ihr Thema. Sie wollten von Jesus lediglich erfahren, wer sich welchen Platz schon erarbeitet hat. Doch auf diese Frage bekommen sie von Jesus keine Antwort. – Das macht Jesus übrigens öfter. – Vielmehr sagt er ihnen, und damit auch uns, dass wir eine andere Haltung einnehmen müssen, um in die Gegenwart Gottes zu kommen: Wir müssen werden wie Kinder.

Wie Kinder sind
Unsere zweijährige Enkelin eröffnet mir den Blick dafür, wie Kinder sind.
Kinder vertrauen ihren Eltern und glauben ihnen alles. Für sie können die Eltern auch alles. Kinder sind neugierig, sie wollen alles wissen. Sie sagen auch alles so, wie sie es denken. Das Kleine wird von ihnen gesehen und sie sind begeistert davon. So ziemlich alles kann Kinder begeistern. Kinder leben im Augenblick, um morgen kümmern sie sich nicht. Wenn sie etwas alleine nicht schaffen, wollen sie Hilfe. Und immer wieder suchen sie die Nähe der Eltern.
So sollen wir unsere Beziehung zu Gott leben: Von IHM alles erwarten; selbstverständlich und angstfrei davon ausgehen, dass ER alles überblickt und richtig macht; darüber frustriert und traurig sein, wenn Er nicht tut, was ich gern hätte, aber direkt danach wieder fröhlich mit IHM Neues ausprobieren; sorglos und unbeschwert im Hier und Jetzt leben; von dem begeistert sein was IHN begeistert; immer wieder SEINE Nähe und Liebe suchen.
Viele Christen wollen das kopfgesteuert machen und merken dabei gar nicht, wie kindisch sie sich verhalten. Jesus sagt uns nicht, dass wir kindliche Verhaltensweisen an den Tag legen sollen. Er redet von der inneren Haltung des selbstverständlichen und selbstbewussten tiefen Vertrauens: ‚Ich bin dein Kind und weiß, dass du mich von ganzem Herzen lieb hast.‘
Leben wir so, ganz praktisch, ganz konkret, unsere Beziehung zu Gott?

Wer sich selbst erniedrigt
Jesus sagt in diesem Zusammenhang gleich noch etwas, was bei vielen Christen zu einer grotesken Verkrampfung führt: ‚Wer sich selbst erniedrigt‘. Schon beginnt der unterschwellige Wettstreit, wer am demütigsten ist. Und wir meinen, dass es fromm sei, wenn wir über uns sagen, dass wir der Allerschlechteste, die Nichtsnutzigste seien oder wenn wir von uns selbst nichts halten. Dieses selbstabwertende oft sogar selbstverachtende Reden und Denken über uns ruiniert unsere Persönlichkeit und damit zerstören wir das Schöpfungswerk Gottes.
Nachdem er den Menschen geschaffen hatte, sagte Gott: ‚Es ist alles sehr gut.‘ Wenn ich dann über mich sage, dass an mir nichts Gutes ist, widerspreche ich Gott. Das hat nichts damit zu tun, wenn Jesus in unserer Geschichte sagt: ‚Wer sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind‘. Vielmehr ist diese abwertende Haltung versteckter Hochmut oder Selbstmitleid und auch Gottesverachtung.
Zur Demut kommt es nie durch Gehorsam, sondern nur durch Erkenntnis. Es geht um meine Sicht über mein Verhältnis zu Gott. Demütig bin ich, wenn ich mir eingestehe, dass ich von Gott geschaffen und auf seine Hilfe angewiesen bin. In der Demut nehme ich mich so an wie ich bin und gebe die Liebe, die ich von Gott bekomme, an meine Mitmenschen weiter. So bin ich ‚mutig dienend‘ – aus diesen Worten wird das Wort Demut gebildet.
Die Menschen im Paradies haben sich selbst erhöht, in dem sie sein wollten wie Gott. Wenn wir anerkennen, dass wir niedriger als Gott sind und aus seiner Gnade leben, dann leben wir das, was Jesus in unserer Geschichte den Jüngern verdeutlichen will.
Dafür brauchen wir kein kindisches Verhalten, sondern eine Richtungsänderung im Denken über uns, eine geänderte innere Haltung, die sich in neuem Verhalten auswirkt.

Wenn Vertrauen fehlt
Nun wissen wir, dass unser Vertrauen zu Gott – und das meint ja Glauben – durch unsere Persönlichkeitsentwicklung stark beeinflusst ist. Eltern haben Fehler und machen Fehler; auch geistliche Eltern. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass nicht alles Gutgemeinte von unseren Eltern für uns auch gut war. Unser kindliches Vertrauen in sie ist enttäuscht worden. Vielleicht waren sie gar nicht in der Lage, unseren Liebestank so zu füllen, damit wir leben können, weil ihr eigener Liebestank schlecht gefüllt war. Auf jeden Fall ist so unser Selbstvertrauen deutlich in Frage gestellt worden.
Weil wir in unserer frühen Kindheit kein Vertrauen, keine stabile Bindung in ein liebevolles Gegenüber entwickeln konnten, fällt es uns heute so schwer, Gott wirklich zu vertrauen. Weil wir wegen unseres Verhaltens als Kind beschämt wurden, schämen wir uns vor Gott und laufen ihm nicht glücklich in die Arme. Weil wir in unsrer Kindheit überfordert, schutzlos und hilflos waren, tun wir uns so schwer, in der inneren Haltung eines Kindes zu leben. Dieser Gedanke löst vielleicht sogar große Angst aus.
Was machen wir nun mit unserer großen Sehnsucht, in den Himmel, in das Königreich Gottes, in seine Gegenwart zu kommen? Steht jetzt Jesus vor uns, wie die Cherubim, die mit dem flammenden, blitzenden Schwert darauf aufpassen, dass niemand an den Baum des Lebens kommt?
Ja, unsere Persönlichkeitsentwicklung hindert uns, ins Himmelreich zu kommen. Gott sagte zu Jakob, als er in der Nacht am Jabbok mit ihm kämpfte: Ich vermochte dich nicht zu überwinden. Und deshalb schlug er ihn auf das Gelenk seine Hüfte. Dort sitzt für den orientalischen Menschen das Kraftzentrum. Die Schutzmechanismen, die wir aus unseren Kindheitserfahrungen entwickelt haben, sind so stark, dass Gott mit uns nur weiter kommt, in dem er sie ausrenkt. Aber: Dem hinkenden Jakob geht die Sonne auf und er hat von Gott eine neue Identität bekommen. Der veränderte Jakob, der Israel, tut ohne Wenn und Aber, was Gott zu ihm sagt.
Der Himmel ist für uns alle offen. Der Vater hat Sehnsucht, uns in seine Arme zu schließen!

Von Neuem geboren
Der Evangelist Johannes berichtet, dass der Theologe Nikodemus in der Nacht zu Jesus kommt – nicht weil er sich schämt, sondern weil er weiß, dass die geistlich wichtigen Dinge in der Nacht geschehen. Diesem Mann sagt Jesus: Wer nicht neu geboren ist, kann das Reich Gottes nicht sehen.
Diese Neugeburt von uns ist durch den Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung möglich.
Die Erfüllung durch den Heiligen Geist wird mit dieser Neugeburt gleichgesetzt. Ich denke, dass diese Neugeburt noch viel mehr bedeutet. Wir müssen neu geboren werden, um aus den Mauern unserer Schutz- und Abwehrmechanismen heraus zu kommen. Wir müssen neu geboren werden, damit die Angst uns nicht mehr vom vertrauensvollen Einlassen zurückhält.

Im Selbstschutz gefangen
Paulus sagt im Römerbrief, dass das Gesetz Mose am Widerstand der menschlichen Natur scheiterte. Gerade deshalb hat Gott Jesus gesandt. Wenn wir mit Jesus verbunden sind und dadurch den Geist Gottes empfangen, brauchen wir uns nicht mehr von unserer menschlichen Natur bestimmen lassen. Wir haben dann den Geist der Kindschaft empfangen und können freudig dem himmlischen Vater in die Arme laufen und glücklich ‚Papa‘ rufen.
Nochmals: Unsere Lebensmuster, die wir notvoll kreativ aus unseren Erfahrungen der Kindheit zum Überleben entwickelt haben, sind wie Festungen. Diese Denkweisen über uns haben sich zutiefst in unser Gehirn eingeprägt und bestimmen unser heutiges Leben. Was uns schützen sollte, richtet sich gegen uns und nimmt uns gefangen.
Der Geist der Kindschaft ist eine geistliche Waffe, mit der Gedanken und alles Hohe das sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, zerstört werden können.
Wir brauchen ein neues Denken über uns. Wir brauchen die Gedanken, die Gott über uns von Anfang an hatte. Wenn wir umkehren und wie ein Kind werden, können die Zusagen Gottes unser Leben bestimmen und nicht mehr die Erfahrungen unserer Kindheit.
Das hört sich dann so an: ‚In meinen Augen bist du wunderbar und wertvoll.‘
‚Ich habe dich von Anfang an geliebt, du gehörst zu mir.‘ ‚Ich habe dich so sehr geliebt, dass ich meinen Sohn für dich in den Tod gegeben habe.‘ ‚Du bist mein Kind und deshalb auch Erbe, Erbe Gottes und Miterbe Christi.‘ ‚Du kannst überwinden, weil du geliebt bist.‘
Wenn wir unser frommes Leistungsdenken gegen Demut tauschen, kehren wir um und werden wie Kinder. Dafür hat uns Jesus den Heiligen Geist als Kraft, Beistand und Tröster geschickt.

Lasst die Kinder kommen
Ein Kapitel weiter erzählt Matthäus davon, dass Jesus in einem theologischen Gespräch über die Ehe war, als Eltern ihre Kinder zu ihm bringen wollten, damit er für diese betet. Die Jünger wollten nicht, dass Jesus wegen der Kinder gestört wird. Doch Jesus sagt: Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Nicht nur, dass Kinder in den Himmel kommen – Kindern gehört der Himmel.
Die Frage, die sich uns jetzt stellt: Wie gehe ich heute mit meinem inneren Kind, dem Kind, das ich früher war, um? Bringe ich dieses Kind zu Jesus oder hindere ich mein inneres Kind daran, zu Jesus zu kommen, weil mir ganz andere geistliche Themen wichtig sind?
Wenn wir uns vor den Gefühlen und Bedürfnissen unseres inneren Kindes schützen möchten, trennen wir uns von dem Kind, das wir waren. Dies führt dazu, dass wir uns als Erwachsene ungeliebt, verlassen, alleine, schlecht, falsch, nicht liebenswert, unwichtig, unzulänglich fühlen. So geben wir uns nach und nach auf oder kämpfen um Anerkennung und Größe. Darin liegt auch der Beweggrund für frommes Leistungsdenken, der uns hindert in das Königreich des Himmels zu kommen.
Bringe ich mein inneres Kind, mit all seinen Fragen, Problemen, Gefühlen und Nöten zu Jesus, damit er es segnet? Oder könnte es sein, dass ich heute in der selben Art mit mir umgehe, wie es meine frühen Bezugspersonen gemacht haben?
Jesus wurde und wird darüber unwillig und sagt: Verwehrt den Kindern nicht, zu mir zu kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Im Himmel wird geherzt
Der Evangelist Markus berichtet, dass die Kinder, die dann zu Jesus gebracht wurden oder denen erlaubt wurde, zu ihm zu gehen, von Jesus geherzt wurden. Jesus ging herzlich mit ihnen um, er gab ihnen körperliche und emotionale Zuwendung.
Lasse ich mich von Jesus herzlich berühren? Lasse ich mir von Anderen wirkliche Zuwendung geben? Gehe ich mit mir liebevoll um?
Im Himmel wird geherzt! Und der steht steht uns offen, wenn wir wie Kinder werden.
Und das, was Jakob im Nachtkampf Gott abringen wollte, nämlich dass er ihn segnet, das tut Jesus bei den Kindern einfach so noch dazu: Er legte ihnen die Hände auf und segnete sie. Im Segen gab er ihnen die ganze Fülle Gottes.
Den überfließenden Segen bekommen wir, wenn wir als Kinder kommen.
Keine Frage: Gott segnet uns auch, wenn wir nicht als Kinder kommen. Dann tut er es meistens da, wo unser Mangel ist, wo wir Veränderung nötig haben. Und da kann der Segen erstmal auch ziemlich weh tun, aber dieser Segen will uns ans Vaterherz ziehen.

Vertrauen gegen Lebenserfahrung
Jesus ruft uns auch heute noch zu: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Wenn wir diesem Ruf folgen, dann kehren wir um und werden wie die Kinder. Dann ist das Königreich des Himmels für uns offen, dann gehört es uns sogar. Und wir werden erfahren, dass das Joch von Jesus sanft und seine Last leicht ist.
Gott erwartet uns in seinem Reich. Gott will uns in seiner Gegenwart haben.
Deshalb können wir das Risiko eingehen, entgegen unserer Lebenserfahrung ein kindliches Vertrauen zu leben. Das gibt unserem Leben eine ganz neue Qualität. Und der Himmel feiert, wenn wir als vertrauensvolle Kinder kommen.

Hans Wiedenmann

Geschrieben von • 2 März 2016 • Kategorie: Berichte über die Arbeit