Freundestag, 9. Mai, 2015

ERNEUERUNG ALS LEBENSPROZESS

Vortrag von Pater Ernst Sievers, Köln

Einführung

Mit Freude möchte ich euch einige Gedanken zu dem mir gestellten Thema „Erneuerung als Lebensprozess“ vortragen. In der Tat, das Leben ist ein Prozess, eine fortschreitende Entwicklung voller Überraschungen, Führungen und Fügungen. Meine Begegnung mit Hans Wiedenmann, dem Leiter dieses Hauses, ist Teil dieses Prozesses. Wenn ich mich recht erinnere, trafen wir uns zum ersten Mal bei Birgitta und Maria in Bouderath. Daraus ergab sich eine Beziehung mit Hanna und George Miley aus den USA. Gemeinsam durften wir die beiden auf ihrem Weg durch Köln begleiten – auf der Spurensuche nach Hannas jüdischer Kindheit, auf der Spurensuche der ersten Stationen ihrer Eltern auf dem Weg in die Vernichtung. Solche Begegnungen hinterlassen Spuren im Gedächtnis, in der Psyche. Sie werden Teil des Lebensprozesses. Über solche Spuren, die zum großen Teil hinter uns liegen, die aber auch noch auf uns zukommen, wollen wir heute reflektieren.

Mein eigenes Leben begann 1938. Am Ende des 2. Weltkrieges 1945 – gestern vor 70 Jahren – war ich 7 Jahre alt und tief geprägt von den lebensbedrohenden Erlebnissen damals im Ruhrgebiet mit all den furchtbaren Bombardierungen. Nach dem Abitur 1958 wurde ich zu den Weisen Vätern geführt, einer internationalen Missionsgesellschaft, die – 1868 in Nordafrika gegründet – sich ausschließlich in den Dienst der Menschen in Afrika gestellt hat.

Nach dem Studium in Trier, London und Rom – in Rom während des 2. Vatikanischen Konzils – wurde ich nach Ghana geschickt, als Dozent für dogmatische Theologie an eine Ausbildungsstätte für zukünftige afrikanische Priester. Während der Semesterferien bin ich viel herumgereist und musste mit Schmerz feststellen, dass es im ganzen Land nur Missionsstationen, Schulen, Kliniken und Krankenhäuser gab – überall war man „busy, busy, busy“ – aber es gab keine ausdrücklichen Ort des Gebetes , es gab keine Klöster, keine Tagungshäuser, keine Orte für Exerzitien und Einkehrtage, wo man Ermutigung und spirituelle Hilfe hätte finden können.

Nach dieser etwas ausführlichen biographischen Einführung bin ich bei meinem ersten Punkt für heute angekommen.

 

Orte der inneren Erneuerung

Es braucht Orte wie das hiesige „Zentrum für Erneuerung“, wo man Halt machen kann im dahin eilenden Lebensprozess, wo man Richtweisung finden kann, die Behandlung von Lebenswunden, wo man neue Ermutigung und Zurüstung erfährt für den weiteren Weg.

1973 – vor 42 Jahren – konnte ich das Priesterseminar von Tamale in Nordghana verlassen und mit der Ermutigung meiner Oberen und mit der Unterstützung von zwei Missionsärztlichen Schwestern, die die Vorsehung Gottes auf wunderbare Weise bereit gestellt hatte, genau solch ein Zentrum wie dieses hier in der Stadt Kumasi im südlichen Ghana gründen, das „Centre for Spiritual Renewal“ (zu Deutsch: Zentrum für geistliche Erneuerung). Die ganze Anlage mit verschiedenen Häusern und einer wunderschönen Kapelle trägt auch heute noch reiche Frucht und ist mit den Jahren zu einem Modell geworden für andere ähnliche Zentren nicht nur in Ghana, sondern auch in anderen Ländern Afrikas.

Bis heute bin ich tief überzeugt, nur in den seltensten Fällen kann die normale Kirchengemeinde – vor allem der alleinige Sonntagsgottesdienst – einen Menschen , der versucht, sein Christ-sein ernst zu nehmen, so nähren, unterstützen und ausrüsten, dass er echt Frucht tragen kann für den Aufbau des Reiches Gottes.

Jedenfalls möchte ich Sie alle an dieser Stelle tief ermutigen, von solchen Orten wie diesem reichlich Gebrauch zu machen und sich dort wegweisende Impulse für den Fortgang des eigenen Lebensprozesses zu holen.

Ich selber bin von der Notwendigkeit solcher Zentren so sehr überzeugt, dass ich nach meiner Wegberufung von Ghana und meiner Ernennung nach Uganda schon bald nach meiner Ankunft die Gründung eines weiteren Erneuerungszentrum, des Emmaus Centre, in die Hand nehmen konnte.

 

Erneuerung als Lebensprozess im Leben Jesu

Jetzt möchte ich mit euch in die Tiefe gehen, zum Jesus der Evangelien und IHN fragen: Was verstehst DU unter „Erneuerung als Lebensprozess“? Selbstverständlich finden wir diese Worte nicht im Munde Jesu, aber die Realität einer Erneuerung des Denkens, Redens und Handelns findet sich bei IHM auf Schritt und Tritt. Er lebt Erneuerung vor und erwartet sie als Frucht bei seinen Zuhörern, seinen Jüngern und denen, die ihm nachfolgen.

Beginnen wir bei SEINER eigenen einschneidenden Erneuerungs- und Veränderungserfahrung, die ER bei seiner Taufe im Jordan erlebte, und ich denke dabei nicht so sehr an die Wassertaufe durch Johannes, sondern ich habe vor allem SEINE Taufe mit dem Heiligen Geist, sein persönliches Pfingsten, im Blick: das Aufreißen des Himmels, die Stimme des Vaters, die überwältigende innere Erfahrung: Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich mein ganzes Wohlgefallen.

Jesus war von Ewigkeit her der geliebte Sohn des Vaters gewesen wie auch während der 30 vorausgegangenen Jahre in Nazareth. Aber nun ergreift ihn die Zuwendung des Vaters so neu und so tief, dass Er seine gesamte bisherige Lebensweise – sein Zimmermann-sein – hinter sich lässt und hinausschreitet in die Welt seines Volkes, um das, was Er selber erfahren hatte, an die Menschen weiterzugeben.

Nachdem ich vor einigen Jahren selber von dieser Realität in der Eremoshöhle am See von Genesareth berührt wurde, bin ich zutiefst überzeugt: Das A und O jeder geistlichen Erneuerung ist diese Erfahrung: Du bist geliebt, Du bist kostbar, Du bist wertvoll, während im Gegensatz das Grunddefizit und die Quelle der größten Lebenswunden die mangelnde Erfahrung von Liebe und Wertschätzung ist. Ich möchte vermuten, wenn wir ein Medikament oder eine Technik hätten, um die riesigen Liebeslöcher in den Herzen und Gefühlen unserer Mitmenschen aufzufüllen, dann könnten nahezu 90% aller psychiatrischen Kliniken geschlossen werden, dann hätten wir eine andere Menschheit. Der Mensch wird neu – jeder Mensch gleich welcher Kultur oder Religion – wenn ihn authentische Liebeszuwendung und Wertschätzung so erreichen, dass sie tatsächlich in seinem Inneren ankommen können.

Das war die fundamentale Strategie Jesu, um Menschen umzugestalten, um sie zu erneuern: Durch seine Worte und Taten der Zuwendung zeigte ER ihnen: Du bist zutiefst geliebter Sohn oder Tochter meines himmlischen Vaters. Mit Liebe in seinen Augen, in seinen Händen, in seinem Herzen hat er sich auf den Weg gemacht. In den folgenden 3 Jahren seines öffentlichen Wirkens floss sein ganzes Tun und Sein aus dieser Quelle: Es war sein Herzensanliegen, die Liebe, die ER vom Vater empfangen hatte, an die nach Liebe dürstende Menschheit weiterzugeben:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk. 4,18): Das war SEIN Programm! Das war Seine Strategie.

Und so setzt er Zeichen der Verwandlung, Zeichen, die deutlich machen: Hier ist Liebe am Werk, die die Liebesdefizite auffüllt. Denken wir nur an die Hochzeit zu Kana, an den mangelnden Wein, der zu einer Überfülle wird – 600 Liter Wasser werden in Wein verwandelt.

Sein mit Liebe überfließendes Herz treibt ihn, wieder und wieder die legalistische Barriere des Sabbatgebotes zu übersteigen, um Menschen in Not, in Krankheit und Tod seine Zuwendung zu schenken und das Ergebnis davon sind Erneuerung, Heilung und Leben.

Angetrieben vom Geist des Vaters geht Jesus so weit, dass ER sich in Liebe total hingibt an die Menschheit, zuerst unter den Zeichen von Brot und Wein in der Eucharistie, im Abendmahl, dann in brutaler Realität am Kreuz. Er, der immer ein Liebender gewesen war, wurde zum Liebenden „bis zur Vollendung“. Das Ziel seines „Lebensprozesses“ war erreicht.

 

Unsere Berufung: Liebende für andere zu werden

Halten wir fest, das Fundament jeglicher menschlicher Erneuerung ist die liebende, wertschätzende Zuwendung. Wir alle, die wir hier versammelt sind, leben daraus. Wir werden dadurch immer wieder erneuert, wenn wir diese empfangen. Gleichzeitig haben wir als Christen die fundamentale Berufung, genau diese liebende, wertschätzende Zuwendung auch an andere Menschen weiterzugeben. „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh. 13,34)

Nach 39 Jahren des Wirkens in Afrika kann ich allen Gruppen, Organisationen und Gemeinden, die bereit sind, Gelder nach Afrika zu schicken, um dort auf die eine oder andere Weise zu helfen, sagen: Bitte tut es nicht bevor ihr nicht bereit seid, wenigstens einmal im Jahr mit einer kleinen Delegation selber hinzufahren, um zunächst liebende Zuwendung zu verschenken und diese dann mit finanziellen Zuwendungen zu bestätigen. Dann kann Neues geschehen. Dann geschieht wahre Entwicklungshilfe.

In den Abschiedsreden Jesu an die Jünger, wie sie im Johannesevangelium wiedergegeben sind, heißt es sinngemäß: Wer sein Jünger sein will, muss Frucht tragen. Und diese Frucht besteht darin, etwas von seiner Liebe, seiner liebenden Zuwendung weiterzugeben. Dazu ist Jesus auf die Erde gekommen, das war ihm selber Gebot bis zum Tode. Wer diese Frucht nicht bringt, so heißt es an dieser Stelle ohne Nachsicht, wird von ihm abgeschnitten wie eine Rebe vom Weinstock.

Wir sind also berufen – alle ohne jede Ausnahme – erneuernde und immer wieder erneuerte Liebe weiterzugeben. Wir sind berufen, Liebe zu schenken in einem bis zum Lebensende nicht aufhörenden Prozess. Ich denke da an meine Mutter. Wenige Tage vor ihrem Tod – es fehlten noch 3 Wochen bis zu ihrem 93. Geburtstag – konnte ich sie noch ein letztes Mal im Hospiz besuchen. Sie war nicht mehr fähig zu sprechen. Aber ihr letzter, mich tief ins Herz treffender Liebesblick ist mir geblieben. Sie hat geliebt bis zum Ende.

 

Wir können nur geben, was wir selber empfangen haben

Damit eine Rebe Trauben hervorbringen kann – in unserem Fall „Trauben der Liebe“ – muss sie verbunden sein mit dem Weinstock, der Quelle von Saft, von Leben. Wir müssen, um Liebe geben zu können, immer wieder neu Liebe empfangen – und auch dies in einem nie endenden Prozess. Wir alle wissen um die tragische Situation von Eheleuten, deren Liebe für einander daran ist zu verdunsten, sich zu verflüchtigen. Wenn die verschenkte, die ausgegebene Liebe nicht ersetzt wird durch neue Liebesimpulse von außen oder innen, dann geht sie verloren.

An dieser Stelle berichte ich gerne von einer Erfahrung, die mich jetzt volle 50 Jahre lang begleitet. Im Mai 1975 konnte ich in Rom an der 1. Internationalen Konferenz der weltweiten Charismatischen Erneuerung teilnehmen. Einer der Vorträge hatte im Programm den Titel: „Muscular Christianity“ (Muskelchristentum). Ich fragte mich sehr, was das wohl zu bedeuten habe. Dann erklärte uns der englische Benediktiner Fr. Iain, es sei ihm aufgefallen, dass so viele Predigten, so viele Beicht- und Seelsorgegespräche darauf hinausliefen zu ermutigen: Nun streng dich mal richtig an, nun fass mal einen guten Vorsatz, dann wird alles besser werden. Das lief auf Selbstverbesserung aus eigener Kraft hinaus. Aber, so machte er deutlich: Erstens funktioniert das nicht. Zweitens, wenn wir aus eigener Kraft besser, liebender werden könnten, dann bräuchten wir keinen Erlöser, keine Gnade, keinen Heiligen Geist. Letztlich wären wir nicht mehr Christen, sondern Häretiker, z. B. Pelagianer. Nein, um immer wieder neu Liebende zu sein und es zu bleiben, brauchen wir eine andere Kraft als unseren eigenen guten Willen, unsere eigenen „Muskeln“. Röm. 12,2 steht dabei nicht im Widerspruch zu dieser Aussage: „Wandelt euch und erneuert euer Denken“. Für Paulus geht so etwas niemals ohne Gnade. Gleich Vers 3 bestätigt das, vor allem aber ein Text wie Epheser 3, 14 – 21: „Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater…. und bitte, er möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt…“

Der Vater wie auch der Heilige Geist werden hier als Quellen der Liebe genannt. Selbstverständlich ist die uns vertrauteste Quelle Jesus, der uns sagt: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. BLEIBT IN MEINER LIEBE“. Ich verbinde dieses Zitat aus Joh. 15,9 mit einem Tag vor vielen Jahren in Ghana. Ich war mit einer heftigen Malaria, mit vermutlich 40°C Fieber aufgewacht. Um 7.00 sollte ich für die Hausgemeinschaft des schon erwähnten Centre for Spiritual Renewal die hl. Messe feiern. Joh. 15, 9 – 17 war das Evangelium. Mein Impuls war reduziert auf nur eine Zeile: Heute höre ich in meinem elenden Zustand zunächst für mich selber und dann auch für euch: „Bleibt in meiner Liebe!“ Mir wurde die Kraft geschenkt, die Eucharistiefeier zu beenden. Als es mir dann wieder besser ging, habe ich das Wort „Remain in my Love“ an mein Bett geklebt, wo es hängen blieb, bis ich 1984 Ghana verlassen musste. Immer wieder habe ich mich auf diese Weise erinnern lassen: Bleib in seiner Liebe. Fall da bloß nicht heraus, sonst schaffst du es nicht, mit all den Herausforderungen fertig zu werden.

Wenn unsere Liebe frisch und stark bleiben soll, müssen wir uns im Grunde täglich danach ausstrecken, neuen Nachschub zu erhalten – ähnlich wie Nahrung und Schlaf. Die ersten Mittel dazu sind selbstverständlich Gebet und Schriftlesung. Persönlich lerne ich jetzt im Alter, im Gebet immer weniger Worte und Gedanken zu gebrauchen, sondern still zu werden, vielleicht die Hände auszubreiten und einfach göttliche Liebe in mich hineinfließen zu lassen. Wenn ich noch ein Wort gebrauche, dann vor allem das so tiefe Zwei-Silben-Wort: „DU“. Ich finde, es ist ein wunderbares Körper, Seele und Geist-stärkendes, ein erneuerndes Gebet. Unser ganzes Thema: Erneuerung als Lebensprozess“ findet sich da wieder in dieser einen Silbe: DU.

Ja, das nach Liebe dürstende Gebet ist die erste Quelle. Ich denke an Ps. 42: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach Dir“. Oder auch Ps. 63: „Gott, Du mein Gott, Dich suche ich, meine Seele dürstet nach Dir. Nach Dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser“.

Als katholischer Priester bin ich obendrein privilegiert, praktisch jeden Tag die heilige Eucharistie feiern zu können, den Leib und das Blut des Herrn zu empfangen und dann ein Stück liebender Vereinigung mit IHM erleben zu dürfen.

Im Übrigen beginne ich jeden Morgen in meiner Nasszelle, indem ich ein langes Streichholz entzünde und dann so oder ähnlich bete: „ Komm, Heiliger Geist, entzünde in mir heute neu das Feuer Deiner Liebe. Lass mich heute ein Liebender sein. Schenke mir, Heiliger Geist, Deine Kraft und Gnade, dass ich heute Dein Feuer an meine Mitmenschen weitergeben kann.“ Danach bete und singe ich in Sprachen. Auch ist eine wunderbare Weise, göttliche Liebesenergie tanken zu können.

Es gibt viele weitere Mittel, um sich erneuern zu lassen, um im Strom göttlicher und menschlicher Liebe schwimmen zu können. Wieder denke ich an meine Mutter. Viele Jahre lang fuhr sie jeden Mittwochabend mit Straßenbahn und Zug von Recklinghausen nach Münster, um sich dort im Focolare – einer kath. Laiengemeinschaft – mit anderen Frauen zu treffen und auszutauschen. Die Ehe meiner Eltern war aus verschiedenen Gründen extrem schwierig. Hier bei ihren geistlichen „Schwestern“ konnte meine Mutter ihre Lasten abladen; hier fand sie den Zuspruch und die Ermutigung, die sie brauchte und kam gestärkt zwischen 23.00 Uhr und 23.30 zurück nach Hause, um dann am folgenden Tag den Weg mit meinem Vater weiterzugehen.

Ich könnte noch viele andere Weisen aufführen, wie wir uns geistlich und körperlich regenerieren können, um dann in der Lage zu sein, weitere Früchte der Liebe zu tragen. Ich denke an die Teilnahme an einem Konzert oder das Hören einer CD, ich denke an meinen täglichen Spaziergang im Blücherpark, nur 5 Minuten von meinem Haus entfernt. Jedenfalls wird es von wesentlicher Bedeutung für einen fruchtbaren Lebensprozess sein, dass jeder von uns Mittel und Wege findet, die ihm oder ihr entsprechen, um uns nicht nur zu verausgaben (und auf längere Sicht ein Burn-out zu bekommen), sondern um innerlich immer wieder neu aufgebaut und erneuert zu werden.


Erneuerung als Lebensprozess auch in den uns umgebenden Lebensbereichen

Bisher habe ich „Erneuerung als Lebensprozess“ vor allem auf der individuellen, der persönlichen Ebene im Blick gehabt, weil ich überzeugt bin: alles muss bei mir selber anfangen. Aber selbstverständlich ist das eine viel zu enge Sichtweise für einen Jünger Jesu, für jemanden, der ein authentischer Christ sein will.

Alle uns umgebenden Lebensbereiche bedürfen ständig der Erneuerung und wir haben eine Mitverantwortung, dass diese geschieht. Eine Erneuerung in unserer persönlichen liebenden Lebensweise funktioniert nur, wenn sie auch die uns umgebenden Lebensbereiche zumindest tangiert:

  1. Als ersten zu betrachtenden Bereich möchte ich unsere KIRCHEN nennen, zu denen wir gehö In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche des
    • 2. Vatikanischen Konzils finde ich in Nr. 8 das folgende Statement: „Während aber Christus heilig, schuldlos, unbefleckt war (Hebr.7, 26) und die Sünde nicht kannte (2 Kor.5, 21), sondern allein die Sünden des Volkes zu sühnen gekommen war (vgl. Hebr. 2,17), umfasst die Kirche Sünder in ihrem eigenen Schoß. Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung.“ ECCLESIA SEMPER REFORMANDA – diese 3 lateinischen Worte bringen die Situation auf den Punkt.
    • Ob als Amtsträger, als Ehrenamtlicher oder als getauftes Mitglied, wir alle tragen Mitverantwortung für unsere Kirchen. Die Liebe Christi wird uns drängen, alles uns Mögliche in Wort und Tat dazu beizutragen, dass unsere Kirchen am Leben bleiben im Glauben, in der Liebe, in der Treue zum Evangelium. In der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ vom 3. Mai 2015 war die Rede – ich vermute in Anlehnung an das Germanwings-Unglück – vom „Sinkflug“ der Kirchen. Ich bin mir sehr bewusst, vermutlich sind unsere Möglichkeiten, konkret in unserer Gemeinde vor Ort eine Beitrag zu Veränderungen und zur Erneuerung zu leisten, relativ begrenzt. Das Mittel, das allerdings uns allen zur Verfügung steht, ist das fürbittende Gebet und diesen Beitrag zur Erneuerung sollten wir nicht unterschätzen.
  2. Als nächsten Bereich möchte ich unser Europa, unseren eigenen Staat und seine Regierung bis hin zur Regierung unserer Stadt, unseres Stadtteils, unseres Dorfes erwä Auch da gibt es ständig Strukturen, die verbessert, d.h. erneuert werden müssen. Und erneut sind auch wir gefragt, auch hier unseren Beitrag zu leisten. Zumindest sind wir berufen, kritisch hinzuschauen: Ist das, was da jetzt im Gang ist, aus christlicher Sicht wirklich zum Wohl unseres Europa, unserer Stadt, unseres Landes? Ein Weg, um da konstruktiv mitzuwirken, sind die sozialen Netzwerke im Internet wie z.B. AVAAZ oder CITIZENGO. Einmal registriert unterschreibt man eine Petition nur mit der Eingabe seiner Email Adresse und die Masse der Unterschriften macht es dann und übt Einfluss aus.
    • Ich möchte nur ein einziges heute höchst brisantes Thema nennen, bei dem neue Wege, ein neues Denken erforderlich sind: Es ist die Frage: Wie gehen wir in unserem Land und in unserer Umgebung mit den Flüchtlingen aus den Krisengebieten der Welt um? Wenn wir uns dem „Lebensprozess“ des „erneuerten Denkens“ (siehe Rö 12,2) verschrieben haben, können wir diese Herausforderung und andere nicht einfach außen vor lassen.
  3. Ein dritter Bereich, den ich unterstreichen möchte, ist die heutige Situation der Wirtschaft. Papst Franziskus, früher priesterlicher Hirte in den Slums von Buenos Aires, hat in seinem Schreiben ‚Die Freunde des Evangeliums‘ starke Worte benutzt, um den gegenwärtigen Zustand zu beschreiben: „Diese Wirtschaft tö Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“ (Nr. 53) Oder in Nr. 55 heißt es:
    • „Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbes (Ex. 32, 1 – 35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel“.
    • Es würde zu weit führen, noch weitere, mit brennendem Herzen geschriebene Zitate anzufü Ich möchte nur noch einige Kapitelüberschriften aus diesem empfehlenswerten päpstlichen Dokument erwähnen:
      • Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung (der Armen)
      • Nein zu einer Vergötterung des Geldes
      • Nein zu einem Geld, das regiert statt zu dienen
      • Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt (Nr. 52 – 60)
    • Ich bin mir voll bewusst, kaum jemand unter uns hier Anwesenden zählt zu den Reichen und Mächtigen, die in der Lage wären, in diese Wirtschaft der Maximierung des Profits wirksam einzugreifen. Aber wir haben eine Stimme vor Gott und den Menschen. Letztlich beginnt jede Erneuerung mit einer Vision. Es gilt, die Vision einer gerechteren Wirtschaft im Herzen zu tragen, uns kundig zu machen und diese Vision dann den Menschen in unserem Umfeld nahe zu bringen.
  4. Einen letzten Impuls möchte ich dem Thema der Bewahrung der Schöpfung widmen. Wir alle wissen, wie sehr unsere Erde heute ächzt und stöhnt unter der brutale Ausbeutung, die wir Menschen ihr antun: die Abholzung der Wälder, die Verseuchung der Flüsse und Meere durch Abfall, die Verpestung der Luft durch Abgase, die Zerstörung der Artenvielfalt von Pflanzen und Insekten durch Pestizide, die Zerstörung der Ackerböden durch Chemikalien, die Veränderung von Pflanzen durch Genmanipulation. „Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbar-werden der Söhne (und Töchter) Gottes“, schreibt Paulus in einem wuchtigen Satz in Rö 8,19. Ja, seien wir solche Söhne und Töchter Gottes, die im Haus und Garten, beim Gebrauch unseres Autos, in der Art unserer Müllentsorgung bedacht sind auf das Wohl der Erde, damit auch spätere Generationen sich noch an dieser Welt erfreuen können.

 

Es gibt noch weitere Bereiche, in denen die Erneuerung zum ständigen Lebensprozess gehört oder gehören sollte. Ich erwähne nur das weite Feld von Ehe und Familie, heute von so vielen Seiten bedroht und angegriffen. Es ist völlig klar, nicht jeder von uns kann auf allen diesen verschiedenen Gebieten in gleichem Maße tätig sein. Jeder muss da seiner Gott-gegebenen Berufung, seinen Begabungen, seinem inneren Antrieb durch den Heiligen Geist folgen.

Zusammenfassend möchte ich noch einmal betonen: Der Ausgangspunkt jeder Lebensprozess-Erneuerung befindet sich – wie immer man es dreht und wendet – im Modell der Erfahrung Jesu am Jordan. Der Geist trug Jesus die tiefe Liebe und Wertschätzung des Vaters zu. Wo bei uns diese göttliche Zuwendung und Anerkennung auf die eine oder andere Weise – oft durch menschliche Vermittlung – ankommt, da werden wir neu, da erfährt unser Lebensprozess einen positiven Anschub, da werden wir befähigt, anderen einen Leben-spendenden Impuls zu schenken. „Es ist der Geist, der lebendig macht“ (Joh. 6,63), sagt Jesus bei der Brotrede in Kapharnaum.

„Du sendest Deinen Geist aus, so werden sie all erschaffen und Du erneuerst das Antlitz der Erde“, heißt es in Ps. 104, Vers 30. Lassen wir uns von diesem Geist der Liebe erfüllen und es entsteht Neues in uns und um uns herum. Unser Lebensprozess wird ein guter, ein gesegneter sein. Das wünsche ich einem jeden von euch am heutigen Freundestag.

 

P. Ernst Sievers, M.Afr.

Geschrieben von • 17 Juni 2015 • Kategorie: Berichte über die Arbeit