Ja zum Frieden – in Gemeinschaften und Gemeinden

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Streit entsteht, wo Menschen unterschiedlichen Temperaments und verschiedener Interessen aufeinander treffen, wo zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu wählen ist, wo Entscheidungen getroffen werden müssen. Dies bedeutet: Wenn wir bestehenden Konflikten ausweichen, nehmen wir uns die Möglichkeit zur mündigen Entscheidung; die Gott uns bereits im Garten Eden gegeben hat – und damit hat er die Möglichkeit eines Konfliktes zugelassen.
Die meisten Menschen versuchen, oft mit viel Einsatz, Konflikte zu vermeiden durch Ausweichen oder Bagatellisieren und machen gute Mine zum bösen Spiel. Doch dieser Scheinfrieden muss viel zu oft mit hohen Kosten für die seelische Gesundheit und die zwischenmenschliche Beziehung bezahlt werden.
Die Kraft, die wir meistens umsonst in die Verleugnung von offensichtlichen Konflikten investieren, sollten wir viel besser dafür einsetzen, dass aufrichtig und fair gestritten, Neues ermöglicht und die beste Lösung gefunden wird. Dies sollten wir so früh wie möglich tun, denn je länger der Streit unterdrückt wird, desto unberechenbarer und gewaltsamer kann er aufbrechen. Freilich ist jeder Streit mit der Gefahr von Verletzungen und Enttäuschungen verbunden und kann zerstörerisch wirken.
Auch in Gemeinschaften und Gemeinden gibt es Streit – obwohl Gemeinden und Gemeinschaften Räume und Orte sind, wo Menschen heil werden sollen und können. Doch auch in Konfliktsituationen können Menschen in ihrer Persönlichkeit Heilung und Entwicklung erfahren.
Gemeinschaften und Gemeinden, die wegen ihrer Konflikte im Miteinander und in der Zielsetzung um Hilfe bitten, haben die Chance, aus unreflektierter Routine, heimlicher Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit am Andern und untergründiger Resignation auszusteigen. Es lohnt sich, das Ja zum Frieden zu suchen.

Ja zum Frieden gelingt nicht immer
Nach meiner Einschätzung erfolgt die Bitte um Hilfe bei der Konfliktbewältigung in Werken, Gemeinden und Gruppen häufig viel zu spät. Im Verlauf verhärten sich Fronten und es kommt zu weiteren Missverständnissen. Die Betroffenen bauen Schutzmauern um sich, die ihre Fähigkeit, aufeinander zu hören und neues Vertrauen zu riskieren behindern. Eine frühe Hilfe durch eine nicht betroffene Person erhöht die Chance für den Frieden.
Um ein Ja zum Frieden zu finden, brauchen wir die Fähigkeit und Bereitschaft, neues Vertrauen zu riskieren. Sind die Verletzungen jedoch zu tief oder liegen die Vorstellungen zu weit auseinander, können die Anstrengungen, ein Ja zum Frieden zu finden, scheitern.
Dann müssen wir den Schmerz aushalten, dass der Frieden trotz ehrlicher Mühe und viel gutem Willen auch nicht gelingt.

Ja zum Frieden verlangt Wahrhaftigkeit gegenüber mit selbst und Frieden mit mir
Eine Mitarbeiterin, die darüber nachdenkt, eine längere Dienstpause einzulegen, weil sie so erschöpft ist, erklärt: ,Ich halte mich an Paulus und halte Frieden mit jedermann und rede nicht darüber, was Streit auslösen könnte.‘ Stattdessen nimmt sie die Ärgernisse mit nach Hause und führt dort in Gedanken heftige Streitgespräche. Der Streit findet in ihr statt und führt bei ihr zu Freudlosigkeit, Frust und Erschöpfung, die bis ins burn-out gehen kann. Ein kleiner Streit in der jeweiligen Situation hätte klärend und entlastend sein können. Jetzt hat sie vieles angestaut, ist gereizt und resigniert.
Wenn Paulus sagt, dass wir, soweit es an uns liegt, mit ,jedermann‘ Frieden haben sollen, dann gehöre auch ich selbst zu ,jedermann‘. Frieden gelingt nur da, wo ich auch mir gegenüber Wahrhaftig bin, sonst gerate ich schnell in Unfrieden und eine Opferrolle, die nichts mit Demut zu tun hat. Unsere Angst vor Streit dürfen wir nicht fromm verkleiden.
Die Bereitschaft zu einer rasche Klärung von Ärgernissen, auch mit der Möglichkeit, dass es zu einem kleinen Streit kommt, ist ein Ja zum Frieden. Kleine Gewitter reinigen die Luft und richten keinen Schaden an.

Ja zum Frieden bedeutet Veränderung von Strukturen und Verhaltenseinstellungen
Ein Mitarbeiter beklagt sich immer wieder über Überlastung und Unklarheit bezüglich seiner Zuständigkeit . So werden Dienstpläne entworfen, Aufgabenbeschreibungen erstellt und viele Gespräche geführt. Es kommt zu einer weitreichenden Neustrukturierung des Werkes, die von der Mitarbeiterschaft als hilfreich erlebt wird, doch der Betroffenen ist immer noch unzufrieden und die Spannung zwischen Leitung und Mitarbeiter steigt.
In der Supervision – da ist das Gebet um Erkenntnis sehr hilfreich – wird deutlich, dass dieser Mann das Lebensmotto hat: ,Ich werde nur geliebt, wenn ich fleißig bin.‘ Klare Dienst- und Aufgabenpläne, die eigentlich das Ziel der Entlastung haben, hindern ihn, ,fleißig‘ zu sein und deshalb steigt in ihm unbewusst die Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Darüber hinaus bringt ihn diese innere Einstellung ständig in Leistungsdruck. Damit für ihn etwas anders wird, braucht er eine neues Wertgefühl.
Die Bereitschaft, bestehende Strukturen zu überprüfen und ggf. zu verändern sind meistens erst dann ein Ja zum Frieden, wenn die Menschen ebenfalls bereit sind, ihr Verhalten zu überprüfen und ggf. zu verändern.

Ja zum Frieden bedeutet Bereitschaft zum Verzicht
In der Werksleitung bestehen schon seit längerer Zeit starke Spannungen. Das Verhalten eins Mitgliedes ist immer wieder Stein des Anstoßes. Nun hat er bei einer Sitzung das Fass zum Überlaufen gebracht.
In den turbulenten Klärungsgesprächen wirft einer das Handtuch: ,Du hast eine verdrehte Wahrnehmung, mit dir ist ein vernünftiges Gespräch nicht möglich. Ich trete zurück; vielleicht bringt das Frieden.‘ – Das mag eine Entspannung bringen, doch ich befürchte, dass dieser resignierte Mensch noch lange in seinem Herzen grollt und keinen Frieden über dieser Angelegenheit findet.
Ein anderes Mitglied der Leitung trifft eine andere Entscheidung: ,Ich habe bisher vieles aufgefangen, weil ich denke, dass wir beide mit unseren Gaben das Werk wirklich voran bringen können. Weil ich weiß auch, dass der Hauptkonflikt bei uns liegt. Wenn wir so weiter machen, ruinieren wir die ganze Arbeit. Ich werde mich bei der nächsten Wahl nicht mehr aufstellen lassen. Bis dahin ist genügend Zeit, jemand zu finden, der die Verantwortung übernehmen kann.‘
Schon Abraham hat uns gezeigt, dass ein Verzicht zum Frieden beiträgt. Das resignierte Aufgeben mag die Situation vorübergehend entspannen, bringt aber keinen wirklichen Frieden. Nur der bewusste Verzicht, die klare Entscheidung, etwas nicht zu wollen, ist ein Ja zum Frieden.

Ja zum Frieden bedeutet Vergebung
Beim Streit ist ist die Gefahr immer gegeben, dass wir aneinander schuldig werden. Deshalb gehört zum Ja zum Frieden auch die Vergebung. Vergebung ist nicht das Zitieren einer frommen Formel und auch nicht von unseren Gefühlen abhängig, sondern ein geistlicher Willensakt. Trotzdem spielen unsere Gefühle eine wesentliche Rolle bei der Vergebung, denn Schuld ist mit Verletzung verbunden. Es ist hilfreich, den Vergebensprozess in 5 Schritten zu vollziehen:
1. Ich muss klären, wer mir was angetan hat, was mich so ärgert oder mir so weh tut. Ich muss auch ehrlich prüfen, was ich dazu beigetragen habe, dass es zu der Verletzung kommen konnte. Für meinen Anteil ist der andere nicht verantwortlich.
2. Ich ringe mich dazu durch, wirklich vergeben zu wollen. Ich verzichte auf die Opferrolle, die dem Täter die Verantwortung über mein Leben gibt, und übernehme für mein Leben die volle Verantwortung, egal, was passiert ist. Wenn ich Vorbedingungen stelle oder nicht verzeihe, ziehe ich wenigstens aus meiner Kränkung einen psychischen Nutzen und lebe in der Gefahr, dass das Unvergebene in einer Stresssituation heraus bricht.
3. Es ist wichtig, aktiv daran zu arbeiten, den eigenen Schmerz bewusst anzuerkennen, ihn nicht zu verdängen, ihn nicht zu bagatellisieren, aber auch den Anderen zu verstehen – das bedeutet nicht, dass ich das Gut heiße, was er getan hat. Wenn ich mich durch Bagatellisieren selbst belüge, verhindere ich die heilsame Wirkung der Vergebung. Die emotionale Auseinandersetzung mit dem erfahrenen Unrecht und dem erlebten Schmerz führt zu einer Stärkung unserer Selbstkompetenz.
4. Für meinen Anteil ist der Andere nicht verantwortlich, den muss ich mir selbst vergeben. Sich selbst vergeben ist genauso wichtig und heilsam wie das Vergeben gegenüber dem Anderen.
5. Ich genieße die Befreiung aus dem emotionalen Gefängnis des Nicht-Vergebens. Wenn die Engel im Himmel feiern, sobald Menschen sich versöhnen, dann sollten wir das auch tun. Das bewusste genießen der neuen Lebenssituation dient wesentlich zu deren Erhalt.
Vergebung gegenüber dem, der mich im Streit verletzt hat, Bitte um Vergebung, wo ich verletz habe und Vergebung mir gegenüber, wo ich durch mein Verhalten mir selbst Schaden zugefügt habe oder mit etwas schuldig geblieben bin, ist das Ja zum Frieden.

Ja zum Frieden bedeutet zur ersten Liebe zurück zu kehren
Im Klärungsprozess stelle ich regelmäßig die Frage: ,Was bewegte dich, dich zu dieser Gemeinschaft zu halten?‘ Der Austausch über den Antworten führt in der Regel zum Erstaunen, denn es gibt eine hohe Übereinstimmung in den Beweggründen.
Die Frage nach der Motivation lässt die Herzen sprechen, die alte Liebe und Leidenschaft kommt wieder durch. Auch wenn Misstrauen und Angst tiefe Gräben aufgerissen haben, sind die Herzen doch nah. Im Reden über das, was ursprünglich und eigentlich verbindet, fangen die aktuellen Probleme an, überwindbarer zu erscheinen. Weiche Herzen sind zwar verletzlicher aber auch viel beweglicher, kreativer und können Gottes Stimme hören.
Die gemeinsame Besinnung auf die ursprüngliche Liebe, die etwas mit der Berufung zu tun hat, ermöglicht das Ja zum Frieden.

Ja zum Frieden bedeutet, dass wir das Kreuz zwischen uns stellen
Es ist nach einer heftigen Aussprache wirklich nicht einfach, wenn sich die Beteiligten links und rechts von einem Kreuz stellen, einander so die Hände geben, dass das Kreuz zwischen ihnen steht und sich zusagen: ,Jesus Christus ist zwischen dir und mir.‘
Tief erschrocken sagte eine Frau, die beim Streit harte Worte von sich gab: ,Dann hab ich das ja alles Jesus an den Kopf geworfen.‘
Wo es gelingt, im Streit Jesus ,dazwischen zu stellen‘, stoppen wir die Eskalation der Wut- und Hassgefühle sowie das Bedürfnis nach Rache, lassen dem Andern seine Würde und schaffen Raum für Vergebung.
Doch, was sollen wir mit unseren Wut- und Hassgefühlen machen, die schon da sind, die Ausdruck unserer Verletzung, unserer Enttäuschung und unserer Hilflosigkeit sind? Petrus lädt uns ein, alles auf den Gekreuzigten zu werfen. Der ist bereit, unsere Not und unsere Schmerzen mit in seinen Tod zu nehmen, damit wir frei sind. Durch seinen Tod schafft Jesus uns Raum, damit wir Ja zum Frieden sagen können, und durch seine Auferstehung können wir neu Beziehung leben.
Wenn wir, Seite an Seite, in unserer Verschiedenartigkeit Jesus anbeten, dann leben wir im Frieden. Und Jesus hat uns zugesagt: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Deshalb brauchen wir uns auf dem oft schweren und langen Weg zum Frieden nicht entmutigen lassen.

Hans Wiedenmann
gehalten beim Forum am MITEINANDER-Tag, Würzburg, 7. Nov. 2009

Geschrieben von • 10 April 2010 • Kategorie: Berichte über die Arbeit

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