Gudrun Dreger: Gestärkt aus Krisen

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Was ist eine Krise?

Gestärkt aus Krisen – das Thema ‚Krise‘ ist sicherlich ein Thema, womit Sie alle irgendetwas verbinden können. Vielleicht befinden Sie sich gerade in einer Krise oder Sie haben eine gemeistert oder Sie kennen Menschen, die sich in einer Krise befinden.

Der Ausdruck „Ich kriege die Krise“ ist umgangssprachlich weit verbreitet und geht uns manchmal leicht von den Lippen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich vor einiger Zeit zu meinem stark pubertierenden Sohn in einer Situation, in der ich ziemlich genervt war, ganz spontan sagte: „Mensch Junge, ich kriege noch die Krise mit dir!“ Und er genauso spontan – wahrscheinlich in einem Moment der Erleuchtung – antwortete: „Ja, irgendwie kann ich das sogar verstehen; ich bin im Moment wirklich manchmal ein bisschen komisch drauf.“
Allerdings war ich damals, wenn ich es genau betrachte, noch wirklich weit von einer Krise entfernt. Er ging mir manchmal auf die Nerven, ich hatte mit manchen seiner Verhaltensweisen Probleme und ich fand ihn anstrengend, aber eine Krise war das noch lange nicht.

Es gibt ganz verschiedene Arten von Krisen: Verlustkrisen – ein lieber Mensch ist gestorben, Ehe- oder Beziehungskrisen im weiteren Sinne – man kann da nicht mehr miteinander umgehen, Lebenskrisen – durch plötzlich auftretende Situationen, die einen völlig aus der Bahn werfen, wie Arbeitslosigkeit oder die Diagnose einer schweren Krankheit. Eine Krise kann auch auftreten, wenn ich mich und mein Verhalten auf eine bestimmte Art und Weise eingeschätzt habe, und dann merke, dass ich mich in einer Situation ganz anders verhalte als ich gedacht habe, z. B. nicht so souverän. Es muss sich nicht immer um existentiell Wichtiges handeln, nein auch ganz Alltägliches kann eine Krise auslösen. Letztendlich ist es von der Person und der Persönlichkeit abhängig, ob eine Krise entsteht. Man unterscheidet drei Hauptformen der Krise – entwicklungsbedingte Krisen, akzidentielle (sich zufällig ereignende Krisen) und Beziehungskrisen.

Sehr häufig entstehen Krisen in Lebenssituationen, die zu einem normalen Lebenslauf dazugehören. Krisenanfällig sind alle Lebensübergänge. Wenn die Kinder, eines nach dem anderen, das Haus verlassen und das Nest leer ist, fallen manche Eltern – meistens betrifft es da die Mütter – in eine Krise. Sie wissen mit ihrem Leben nichts mehr anzufangen. Sie haben sich ganz auf die Versorgung und Erziehung der Kinder ausgerichtet, haben häufig andere Bereiche – auch oft die Ehe – vollkommen vernachlässigt und fallen in ein Loch, weil da jetzt nichts mehr ist, für das sie leben können. Sogar einen Fachbegriff gibt es hierfür, nämlich ‚empty – nest Syndrom‘.
Oder der Pensionär, der in seinem wohlverdienten Ruhestand plötzlich in eine Depression fällt, weil er nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Er hat sein Leben lang gearbeitet, hatte einen festen Stand im Leben – und plötzlich hat er keine Aufgabe mehr. Und die Ehefrau, die plötzlich jeden Tag ihren Mann zu Hause hat und ihren Alltag nicht mehr nur nach ihren Vorstellungen gestalten kann, bekommt ihre Krise vielleicht gleich mit.
Immer dann, wenn sich eine Lebenssituation verändert, müssen wir vertraute Dinge loslassen. Das bedeutet: da, wo wir Altes, Vertrautes aufgeben müssen, muss etwas Neues kommen. Aber im Moment des Loslassens ist das Neue oft noch nicht da, noch nicht greifbar. Meine beiden großen Kinder sind mittlerweile ausgezogen und leben ihr eigenes Leben. Vorher waren sie im Haushalt, es war klar, wie die Beziehung gelebt wurde. Man sah sich bei beim Essen – zumindest manchmal – und auch so konnte man immer mal schnell miteinander reden. Als sie von zu Hause weggingen, habe ich festgestellt, dass die Art und Weise wie ich die Beziehung zu ihnen gestalten kann, nicht mehr die gleiche ist. Es musste erst einmal ausprobiert und auch darüber gesprochen werden, wie wir unsere Beziehung jetzt pflegen wollen. Wenn so etwas nicht gelingt, kann das durchaus eine Krise auslösen.

In solchen Situationen entsteht Unsicherheit und Angst, weil da. wo etwas Vertrautes verschwunden ist, das Neue noch nicht da ist und so eine Leere entsteht. Unsicherheit und Angst spielen eine wesentliche Rolle in der Krise. Da, wo wir überhaupt keine Ahnung haben, wie dieses Neue aussehen könnte, ist eine Krise sehr wahrscheinlich.

Krisen haben immer ganz grundlegend etwas mit meinem Sein, meiner Identität zu tun. Eine Krise kommt immer ganz nah an mich heran. Werte, die vorher gültig waren, werden in Frage gestellt, Normen und Regeln, die immer Gültigkeit hatten, gelten plötzlich nicht mehr.

Wir haben in unserem Hauskreis vor etlichen Wochen mit einer Reihe über Menschen der Bibel, die in der Krise stecken, gesprochen. Unsere Hauskreisleiterin hatte Elia, Josef, Jakob, Daniel und Johannes den Täufer auf dem Programm. Ich habe danach noch eine Stunde gestaltet, in der wir über Krisen in unserem Leben gesprochen haben. Als ich zu Anfang der Stunde fragte, was denn eine Krise sei, sagte ein Mann um die 60: „Na ja, eine Krise ist halt, ein Problem das man hat, und ein Problem muss man eben lösen.“ Damit waren aber die meisten anderen nicht einverstanden. „Nein, ein Problem, das man lösen kann, das ist doch keine Krise. Krise ist doch etwas, wo man nicht mehr weiter weiß, wo man eben keine Lösung hat.“

Und genau das ist das Wesen der Krise. In einer Krise versagen alle unsere Lösungsversuche und Bewältigungsstrategien, die wir so drauf haben und die wir sonst immer anwenden. Menschen, die sich in einer Krise befinden, sind häufig nur noch auf ihre Krise fixiert. Es ist, als befänden sie sich in einem tiefen Loch, in dem es keinen Weg mehr nach oben gibt. Um sie herum ist alles nur noch schwarz. In dieser Situation, in dieser Krise, ist nichts mehr wie es vorher war. Was vor der Krise Gültigkeit hatte, gilt nicht mehr, was vorher wichtig war ist unwichtig. Man sieht keinen Ausweg und weiß nicht, wie man da jemals wieder herauskommen soll.
Die Psychoanalytikerin Verena Kast spricht von einer Krise, „wenn ein Ungleichgewicht zwischen der subjektiven Bedeutung des Problems und den Bewältigungsmöglichkeiten, die dem Menschen zur Verfügung stehen, entstanden ist.“ (Kast, Der schöpferische Sprung)
Krisen können ganz plötzlich entstehen, durch den Ausbruch einer Krankheit oder den Verlust eines geliebten Menschen, aber sie können sich auch langsam entwickeln. Das ist häufiger bei Beziehungskrisen der Fall oder wenn es um Überforderungssituationen geht. Da braucht es oft längere Zeit, bis sich die Situation zu einer Krisensituation zuspitzt. Nahestehende Menschen merken oft viel früher als der Betroffene selbst, dass sich eine Krise abzeichnet. Manchmal ist es noch möglich auf dem sich verengenden Weg dem tiefsten Punkt einer Krise vorzubeugen, weil man sich mit der Problematik auseinandersetzt und Lösungswege findet.

Chancen der Krise

Krisen sind eine Belastung und können Körper, Seele und Geist beeinflussen. Kann man einer Krise denn auch etwas Positives abgewinnen? Ja, Krisen sind auch Chancen. Sie sind Chancen, gestärkt und verändert aus der Krise hervor zu gehen. In der Krise zeigt sich ja, dass alle unsere bisherigen Lösungsversuche und Problembewältigungsstrategien versagen.

Wir Menschen haben alle unsere Lösungsmöglichkeiten, um mit dem Leben umzugehen. In den allermeisten Situationen funktionieren diese Lösungsmöglichkeiten auch. In schweren Anforderungs-, Belastungs- oder Konfliktsituationen mobilisiert der Betroffene zunächst die üblichen Methoden der Lebensbewältigung. Aber diese passen nicht immer. Und wenn man in eine Krise kommt, passen sie eben nicht. Und da liegt die Chance der Krise. Wir haben die Möglichkeit, in der Krise nach neuen Lösungsmöglichkeiten, nach neuen Problemlösungsstrategien Ausschau zu halten und zu erlernen. Wir haben die Chance, in unserem Leben etwas zu verändern und damit zu reifen. Wir Menschen sind in der Regel bequem, ohne Anlass laufen wir im gewohnten Trott weiter. Wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert werden, wenn wir in eine Krise fallen, dann ergibt sich die Chance zum seelischen Wachstum und auch die Möglichkeit, unseren Handlungsspielraum zu erweitern. Im chinesischen wird Krise mit dem Wort „wei – ji“ wieder gegeben, welches „Gefahr“ und „gute Gelegenheit“ bedeutet.

Verena Kast, die oben erwähnte Psychoanalytikerin sagt, dass das Bewältigen von Krisen in der psychischen Dynamik eine große Nähe zu einem schöpferischen Prozess hat. Wir haben hier die Möglichkeit, uns weiter zu entwickeln. Krisen sind oft, wenn sie denn bewältigt werden, wichtige Meilensteine in unserer Entwicklung. Krisen sind Wendepunkte in unserem Leben, hier muss eine Entscheidung getroffen werden: Wir müssen entweder Ausschau halten nach Möglichkeiten, die Krise zu bewältigen oder aber wir entscheiden uns, die Krise zu ignorieren.

Bewältigung der Krise

Es gibt zwei grundlegende Arten, mit Krisensituationen umzugehen, und das betrifft alle Arten von Krisen. Zum einen, wenn wir uns weigern wahrzunehmen, dass wir eine Krise haben und alles verdrängen, was dazu gehört (das heißt mit dem Fachbegriff „Defending“). Das kann manchmal durchaus eine sinnvolle Lösungsmöglichkeit sein – zumindest oberflächlich oder für eine gewisse Zeit. Aber all das, was wir nicht wahrnehmen wollen, was wir unterdrücken an negativen Gefühlen, wirkt im Unterbewussten weiter und treibt dort sein Unwesen. Häufig bekommen Menschen, die sich mit ihren Krisen nicht auseinandersetzen, bzw. die Krise gar nicht als solche wahrnehmen irgendwann Depressionen, Ängste, psychosomatische Krankheiten oder auch körperliche Erkrankungen. Diese Symptome treten auf, wenn das Fass voll ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Mensch kann dann nichts mehr fassen, von dem was er hinunter gedrückt hat, es muss sich irgendwo entladen.

Die andere Möglichkeit ist, die Krise bewusst wahrzunehmen und bewältigen zu wollen. Das nennt man mit einem Fachbegriff „Coping“ (Bewältigen). Wenn wir einmal erkannt haben, dass wir in einer Krise sind, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten, die Abwärtsspirale der Krise wieder umzukehren: 1.) Nach Wegen zu suchen, die die Situation verändern oder 2.) eine veränderte Einstellung zu der Situation zu gewinnen.

Was sind denn nun Schritte zur Krisenbewältigung?

1. Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleihen
Zuerst müssen wir uns ehrlich eingestehen, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Vielleicht haben wir noch gar nicht erkannt, dass es sich wirklich um eine Krise handelt, in der wir stecken. Vielleicht merken wir nur, es geht uns nicht gut, wir schaffen vielleicht vieles nicht mehr, was wir früher geschafft haben. Irgendetwas ist anders geworden.
Wenn Sie spüren, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, nehmen Sie sich die Zeit herauszufinden, was eigentlich bei Ihnen abläuft. Welche Gefühle haben Sie: Wut, Ärger, Traurigkeit? Nehmen Sie sich Zeit, das für sich heraus zu finden. Versuchen Sie, Ihren Gefühlen Raum zu geben. Weinen Sie, klagen Sie, malen Sie, schreiben Sie. Wenn man in einer Krise steckt, muss man dem, was in einem ist, all diesen negativen Gefühlen und Gedanken, Ausdruck verleihen. Suchen Sie sich einen Menschen (möglichst einen der tragfähig ist und der einen emotionalen Abstand zu Ihrer Krise hat, also selbst nicht irgendwo davon betroffen ist), dem sie einfach auch mal die Ohren voll jammern können. Wenn Sie niemand wissen: Es gibt professionelle Seelsorger, Berater und Therapeuten, die kennen sich mit so was aus.

Wenn Sie in ihrem Umfeld Menschen haben, die in einer Krise stecken, sagen Sie nicht „Das wird schon wieder“ oder „Stell dich doch nicht so an“, sondern hören Sie einfach zu. Gerade in Krisen, wo es um Verluste und Trennung geht, müssen Menschen immer wieder über das Verlorene reden, sich Schönes und weniger Schönes ins Gedächtnis rufen. Das ist wichtig, um mit dem Verlust fertig zu werden und den Verlust zu verarbeiten.

Manchmal ist es einfach wichtig, die Gedanke und Gefühle einem vertrauten Menschen darlegen zu können. Vielfach werden dem Menschen in der Krise die Dinge dann langsam klarer. Begleiten Sie den Menschen in der Krise ein Stück, Versuchen Sie ein Stück ‚in seinen Schuhen‘ zu laufen. Meine beste Freundin hat mit manchen Erlebnissen und Situationen Probleme, die ich nicht habe, weil sie einfach ganz anders gestrickt ist. Wenn ich ihr helfen will, muss ich einfach da sein, versuchen, mich einzufühlen, ich muss sie aushalten mit ihrer Andersartigkeit – sowie sie mich auch manchmal aushalten muss.

Es geht in dieser Phase der Krise noch gar nicht darum, Lösungen zu finden, sondern einfach den Gefühlen Ausdruck verleihen zu können, zu weinen, zu klagen, wütend und ärgerlich sein zu dürfen. Sie dürfen ihre Gefühle auch Gott gegenüber ausdrücken. Sie dürfen Gott alle ihre negativen Gefühle bringen und nennen. Wenn ich die Psalmen lese, bin ich immer wieder erstaunt über die Ehrlichkeit, mit der die Psalmbeter Gott ihre Gefühle gebracht haben.

2. Tiefere Ursachen der Krise bearbeiten
Oft zeigt sich dann irgendwann in diesem Prozess, dass unsere momentane Krise etwas mit unserer Vergangenheit zu tun hat. Verletzungen aus unserer Kindheit, die nie bearbeitet wurden, werden plötzlich durch eine Situation aktualisiert; Entwicklungsschritte, die eigentlich schon vor Jahren nötig gewesen wären, sind nicht gemacht worden; schlimme Erfahrungen wurden nicht verarbeitet sondern ins Unbewusste verdrängt, wo sie aber weiterhin wirken und uns beeinflussen.

Ich habe eine junge Frau im Gespräch, die mit einer akuten Depression gekommen ist. Der Auslöser für die Depression war eine schwierige Situation in ihrem Betrieb. An erster Stelle bei der Behandlung stand natürlich, die depressive Symptomatik zu vermindern. Als es ihr wieder besser ging, zeigte sich aber deutlich, dass tiefere Schwierigkeiten den Grundstein für die Depression gelegt hatten. Sie hatte schon immer Selbstwertschwierigkeiten und Schwierigkeiten, neue Beziehungen aufzubauen. Zudem gab es ein Erlebnis in ihrer Kindheit, das diese Entwicklung begünstigt hat. Jetzt war sie in einer neuen beruflichen Situation, in einer Firma, in der das Arbeitsklima schlecht war und in ihrem Beziehungsumfeld veränderte sich auch einiges, damit bekam ihre Problematik mehr Gewicht, sie mehr Leidensdruck und sie geriet in eine Depression.

Wir alle tragen unsere Vergangenheit in uns. Wir allen haben Erfahrungen in unserer Vergangenheit gemacht die mehr oder weniger verletzend waren. Damals konnten wir oft nicht anders, als sie zu verdrängen. So haben Verhaltensmuster entwickelt, die uns als Kindern und Jugendlichen geholfen haben, unser Leben zu gestalten, Verhaltensmuster, die damals ihre Berechtigung hatten. Diese Verhaltensmuster waren damals durchaus sinnvoll und funktional. Viele davon sind es aber heute nicht mehr, sie sind dysfunktional geworden.

Viele Menschen haben in dem einen oder anderen Bereich einen Entwicklungsschritt noch nicht vollzogen, der schon vor Jahren fällig gewesen wäre. Vielleicht haben wir uns innerlich noch nicht von unseren Eltern abgelöst und sind nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen, dir ihr Missfallen auslösen würden. Oder vielleicht drücken wir uns davor, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Wenn wir eine Krise bewältigen wollen, müssen wir uns oft mit diesen unvollendeten Dingen auseinander setzen, weil genau diese unvollendeten Dinge die Krise begünstigen.

Tamara Hinz beschreibt in ihrem Buch ‚Katastrophenglück‘, wie durch eine belastende aktuelle Situation, eine Komplikation bei einer Operation, für sie eine emotionale Situation entstanden ist, in der sie plötzlich merkte: Das, was jetzt in mir abläuft, hat nicht nur etwas mit meiner jetzigen Situation zu tun, nein, es hat ganz tief mit meiner Kindheit zu tun, mit den Situationen, denen ich in meiner Herkunftsfamilie ausgesetzt war und den damit verbundenen Gefühlen, mit denen ich schon damals nicht umgehen konnte. Tamara Hinz hat die Herausforderung angenommen und sich diesen Gefühlen gestellt und sie beschreibt ihren Weg sehr ehrlich in ihrem kleinen Buch.

Wie unvollendete Entwicklungen, wie unsere Vergangenheit Krisen schaffen kann, kann man auch an vielen Ehen sehen. Was wirklich zu der Wahl unseres Ehepartners geführt hat, mag manchen länger Verheirateten vielleicht geradezu ein Geheimnis sein. Besonders wenn man in einer Ehekrise steckt, fragt man sich ja vielleicht: „Was hat mich eigentlich bewogen, gerade diesen Menschen zu heiraten?“

Die Psychologie sagt, dass unsere Partnerwahl ganz stark von unserem Unbewussten beeinflusst wird. Es ist, als ob wir alle Sensoren, mit Magneten bestückt; ausgefahren hätten, und diese Magnete sich gegenseitig anziehen. Die meisten Ehepaare – auch die, die nicht in einer Krise stecken – werden sagen, dass genau die Verhaltenseigenschaften, die uns früher so gut am anderen gefallen haben, jetzt am meisten stören. Häufig stellen wir auch fest, dass unsere Ehepartner sehr viel Ähnlichkeit mit einem Elternteil haben, und zwar meist genau bei den Eigenschaften, die uns an den Eltern ziemlich genervt haben. Die Psychologie sagt, dass wir ehemäßig immer wieder – unbewusst wohlgemerkt – versuchen, den Zustand unserer Ursprungsfamilie wieder her zu stellen, auch wenn wir unter diesem Zustand gelitten haben. Wir wollen in unserer Ehe die Dinge mit unserem Partner lösen, die wir mit unseren Eltern nicht lösen konnten. Die Psychologie spricht davon, dass wir unerledigte Geschäfte erledigen wollen. Das funktioniert natürlich nicht so und führt sehr häufig in eine tiefe Krise. Um hier in einer Ehekrise auszusteigen, ist es wichtig, dass die Ehepartner sich mit ihrer Kindheit, ihren Eltern und ihren Verhaltensmustern auseinander setzen. Wer eine solche Ehekrise überstanden hat, der kann mit Sicherheit sagen, dass er aus dieser Krise gestärkt hervorgeht.

3. Neues erlernen
Um einen Weg aus der Krise zu finden, ist es aber auch notwendig, die Bereitschaft zu haben, Neues zu erlernen. Es müssen neue Verhaltensmuster eingeübt, neue Kompetenzen oft mühsam erlernt werden, neue Einsichten oder Sichtweisen müssen sich im Alltag bewähren.

Ein Ehepaar, das die Mechanismen erkannt hat, die zu einer Ehekrise führten, muss neue Möglichkeiten des Umgangs miteinander lernen.

Die junge Frau in meiner Beratung muss lernen, wie man Kontakte knüpft, auf Leute zugeht, mit Menschen ins Gespräch kommt. Das ist mit Üben und Arbeiten verbunden und manchmal sind auch Rückschläge zu verzeichnen.

4. Hilfen zur Krisenbewältigung
In solch einem Prozess der Krisenbewältigung ist es gut, wenn man andere Menschen an der Seite hat, zum Zuhören, aber auch als Hilfestellung, um wirklich Wege aus der Krise zu finden.

Wichtig ist aber auch, dass wir uns und unserer Seele etwas Gutes tun. Krisenzeiten sind anstrengende Zeiten. Gefühle zulassen, die Vergangenheit bearbeiten, Trauerarbeit leisten, neue Verhaltensmuster erlernen und üben, all das ist anstrengend und kostet Kraft. Die Seele verbraucht viele Ressourcen und muss deshalb aufgetankt werden.

Ein bisschen Sport und Entspannungsverfahren können helfen, körperlich und seelisch gesund zu bleiben. Ein Spaziergang in der Natur, ein Rundgang durch den Garten, in dem die Blumen blühen und Vögel zwitschern, können uns Freude und neue seelische Kraft geben.

Entdecken Sie die Dinge, die Ihnen gut tun und bauen Sie diese Dinge ganz bewusst in Ihren Alltag ein. Auch hier kann es gut sein, einen Menschen zu haben, der einem hierin Unterstützung gibt.

Wer eine Krise auf diese Art und Weise überstanden hat, stellt fest, dass er sich verändert hat, dass er gereift, erwachsener geworden ist.

Verena Kast, die schon erwähnte Psychoanalytikerin sagt, „Ob eine Krise zu einer Chance für ein neues Erleben unserer Identität werden kann, ob wir aus einer Krise mit neuen Verhaltensmöglichkeiten, neuen Dimensionen des Selbst und Welterlebens hervorgehen, vielleicht sogar mit neuen Sinnerfahrungen und mit dem Bewusstsein kompetent geworden zu sein im Umgang mit dem Leben, diesem Lebens also nicht länger ausgeliefert zu sein: das hängt wesentlich davon ab, ob wir die Krise als eine Lebenssituation zu sehen vermögen, in der für unser Lebens existentiell Wichtiges sich ereignet und entscheidet, oder ob wir die Krise nur als lästiges Beiwerk des Lebens sehen, das wir so rasch als möglich vergessen wollen. Zu wissen, dass jede Krise eine von möglichen grundsätzlichen Wandlungen hervorrufen kann, ist wesentlich.“ (Kast, Der schöpferische Sprung)

Eine ganz wesentliche Hilfe haben wir als Christen aber, die andere nicht haben. Wir haben Gott an unserer Seite. Allerdings, auch unser Gott nutzt die Krisen, in die wir kommen, um uns weiter zu bringen in der Beziehung zu ihm und unseren Mitmenschen. Gott wendet nicht einfach alle Krisen von uns ab, er gebraucht die Krise, damit wir uns weiter zu dem Menschen entwickeln können, den er sich gedacht und mit dem er Geschichte schreiben kann. Er lässt sich meistens nicht darauf ein, nach einem Gebet die Krise einfach verschwinden zu lassen – und wir wünschen uns oft nichts sehnlicher – sondern er möchte, dass wir uns der Herausforderung stellen. Aber, und das ist das Wunderbare, er geht mit uns durch diese Krise. Er nimmt uns an der Hand und gibt uns immer wieder Kraft, und das ist das, was wir Menschen die Gott nicht kennen, absolut voraushaben.

Folgender Text drückt das auf eine wunderbare Weise aus:
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorüber gezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn: „Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?“
Da antwortete er: „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.“

Zusammenfassung

• Was ist eine Krise?
Eine Krise zeichnet sich dadurch aus, dass uns Lösungs- und Problembewältigungsstrategien fehlen.
• Chancen der Krise
Die Krise bietet uns die Chance zu reifen, Entwicklungsschritte nachzuholen und unsere Kompetenzen zu erweitern.
• Bewältigung der Krise
1. Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleihen
2. tiefere Ursachen der Krise bearbeiten
3. Neues erlernen

Geschrieben von • 1 Januar 2009 • Kategorie: Berichte über die Arbeit Tags: , , , , , , , , , , ,

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